Die bunte Geschichte des Zurlaubener Moselfestes

Am Anfang war der Gesang. Als sich 1896 der Männergesangsverein des Trierer Stadtteils Zurlauben gründete, war an das Zurlaubener Moselfest noch lange nicht zu denken. 60 Jahre sollten noch ins Land gehen, bevor das Fest, was heute eines der Trierer Highlights ist, zum ersten Mal stattfinden sollte.

 

Ein neuer Verein und lebende Fische

In diesen sechs Jahrzehnten änderte sich noch so einiges, doch für das Moselfest Zurlauben gab es ein wichtiges Schlüsselerlebnis: Die Gründung des Karnevalsvereins. Dies geschah in der kalten Silvesternacht von 1910 auf 1911: Während drinnen im Gasthaus Kastor der Männergesangsverein 1896 Zurlauben das neue Jahr feierte und nebenbei einen Karnevalsverein gründete, gingen zwei Vereinsmitglieder vor die Tür, um unbewusst Geschichte zu schreiben. Das eigentliche Ziel des Ganges war der zur Toilette. Josef Kiep und Peter Mettlach wollten sich erleichtern, während der Männergesangsverein drinnen auf das neue Jahr und den neuen Karnevalsverein anstießen. Mit diesen Gedanken und reichlich Alkohol im Kopf, gingen also die genannten Herren vor die Tür. Es war eisig draußen am Moselufer, unter null Grad Celsius. In einem großen Fass Wasser standen auf dem Hinterhof schon die Fische bereit, die es am Neujahrsmorgen zum Frühstück geben sollte. Der Kieps Jupp hatte Sorge um die Fische und sein Frühstück, und klopfte auf die dicke Eisscholle, die sich auf dem Wasserfass gebildet hatte: „Ja“, rief er Peter zu, „Sie wieweln noch!“ Glücklich über die sich noch bewegenden Fische und das damit gesicherte frische Frühstück, überkam dem Kieps Jupp der Geistesblitz: „Das ist unser Name!“ jubelte er, während er, gefolgt von Peter Mettlach, zurück in die Gaststube rannte. In dieser eisigen Nacht bekam der Karnelvalsverein seinen Namen „Mir wieweln noch en Zurlauben“.

 

Jubiläumsfeier mit Folgen

Seit jener Silvesternacht betreibt der MGV 1896 Zurlauben also auch den Karnevalsverein „Mir wieweln noch en Zurlauben“. Damals waren die Mitglieder des MGV auch gleichzeitig Mitglieder im KV. Der MGV war so sehr gefragt, dass es sich der Verein herausnahm, seine Mitglieder auszusuchen – ähnlich einem heutigen Casting. 1956 stand dann das 60-jährige Jubiläum an und die Vereinsmitglieder wollten dies gebührend feiern – mit einem großen Fest. Anders als die Mitgliedschaft sollte die Jubiläumsfeier für alle Trierer sein. Der Gesangsverein organisierte die große Sause gemeinsam mit dem Karnevalsverein. Auf etwa 50 Metern entlang des Zurlaubener Moselufers, von der Pfeffermühle bis zum Bleichgässchen, wurden an einem sommerlichen Wochenende im Jahr 1956 eine Limotheke, ein Bier- und ein Weinstand sowie eine Theke für Aalbrötchen aufgebaut. Alle Vereinsmitglieder und, von den Vereinsmitgliedern geschätzt, wohl auch alle Trierer feierten gemeinsam das 60-jährige Bestehen des Männergesangsvereins. Gesungen wurde auch sehr viel an diesem Wochenende, aber, wieder unwissentlich, auch Geschichte geschrieben: Die 60-Jahr-Feier des MGVs wurde das erste Zurlaubener Moselfest. Nach dem Jubiläumswochenende stand fest: „Es war so schön, das wiederholen wir!“ Seit dem findet an jedem zweiten Wochenende im Juli das Zurlaubener Moselfest statt.

 

Tradition trifft Expansion

Nach einigen Jahren des Warmlaufens schlossen sich an diesem jährlichen Fest immer mehr Kneipen an, um die Gäste zu bewirten, Zuckerstände und Schießbuden wurden aufgebaut. Die einstige Jubiläumsfeier entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Heimatfest mit Kirmescharakter. Heute ist das Zurlaubener Moselfest eine Institution Triers. Ohne dieses Volksfest würde der Region etwas fehlen. Anfänglich von der Stadt Trier unterstützt, zog sie sich Mitte der 70er Jahre zurück. Aber auch alleine stemmen die Vereine jährlich das Moselfest. Der Männergesangsverein und der Karnevalsverein betreiben das Fest von Anfang an und werden es bis zum Ende fest in ihren Händen führen. Doch heute ist der Andrang so groß, dass die Organisation immer mehr zur Herausforderung wird: Es sind nicht nur immer mehr Besucher, die aus dem gesamten Trierer Umland zu diesem Moselfest fahren, sondern auch immer mehr Stände und Schausteller, die ein Teil dessen sein möchten. „Unserer Tradition entsprechend lassen wir den Trierer Vereinen stets den Vortritt beim Betreiben eines Standes, bevor Privatleute zugelassen werden“, erklärt Organisator Christian Reichert die Zusammensetzung der zahlreichen Stände, „Wein und Bier werden grundsätzlich von lokalen Vereinen ausgeschenkt.“ Christian Reichert ist seit 2004 Vorsitzender des Festkomitees und somit automatisch für die Organisation verantwortlich.

 

Flammende Erinnerungen

Die Zurlaubener Urgesteine „der dicke Pit“ Siegfried Peter Klein und Bruno Fassbender (v.l.n.r.) vom MGV 1896 Zurlauben sammeln jährlich neue Anekdoten auf dem Zurlaubener Moselfest.Tatkräftige Unterstützung bekommt Reichert von den Mitgliedern des Zurlaubener Moselufers: Bruno Fassbender ist seit der ersten Stunde bei diesem Heimatfest dabei, und Hans-Karl Meunier gilt als Zurlaubener Urgestein. „Der dicke Pit“ Siegfried Peter Klein war über 56 Jahre lang aktiv im MGV, gab aber vor einiger Zeit seinen Rücktritt vom Vorsitz bekannt. Seitdem wuselt er im Hintergrund und kümmert sich um den Betrieb des Sängerheims am Moselufer. Das Zurlaubener Fest gehört zum Leben dieser Herren und sie erinnern sich gerne zurück. Besonders das Feuerwerk steht im Mittelpunkt ihrer Geschichten. Das geht nämlich auf die Premiere des Moselfestes zurück. Schon damals illuminierten die Organisatoren die Berge des Moseltals, erinnert sich Bruno Fassbender: „Das war eine Art Bengalisches Feuer in den Bergen und auf der Mosel schwammen Hindenburglichter und Lampions. Die Einwohner der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite haben für jedes Fenster vier Kerzen bekommen. Das sah richtig toll aus.“ Auch Hans-Karl Meunier hat noch einschlägige Erinnerungen an das traditionelle Feuerwerk: „Die Stadt Trier hat uns mal zur Auflage gemacht, dass wir unser Feuerwerk nicht mehr auf der anderen Moselseite abfeuern dürfen, weil das zu nah an den Wohnhäusern in Pallien sei“, erinnert er sich, „Wir mussten dann unser Feuerwerk von der Brücke abschießen, und das ging ordentlich in die Binsen. Es gab einen Querschläger und der hat ein ordentliches Loch ins Geländer gehauen.“ Und Siegfried Peter Klein ergänzt: „Dadurch haben wir dann festgestellt, dass unter dem Gehweg auf der Brücke die Hauptgasleitung nach Pallien rüber verlief. Es ist aber nichts Schlimmes passiert. Das nächste Feuerwerk durften wir dann wieder auf der anderen Moselseite machen.“

 

Knapper Gewinn bei reichlich Konkurrenz

Die Anwohner Zurlaubens treten heute gerne in Konkurrenz mit dem Moselfest. Christian Reichert kämpft um jeden Besucher und stellt dabei jährlich aufs Neue fest, dass anliegende Vereine und Privatleute gerne während des Moselfestes eine eigene Party machen: „Jede Biene, die da ist, sticht. Sie schauen unser Feuerwerk und wir gehen leer aus.“ Finanziell rentiert sich das Moselfest kaum für die beiden organisierenden Vereine, denn sie kalkulieren auf eine Nullsummenrechnung, erklärt Reichert: „Aber mindestens drei Vereine, die bei diesem Volksfest Stände betreiben, können nur deswegen überhaupt noch überleben. Für die rechnet sich das natürlich.“ Während die Standnachfrage immer besser, der Besucherandrang immer größer und die Angebotspalette des Festes immer breiter wird, bleiben sich die Organisatoren treu. Der Ablauf des Zurlaubener Moselfestes hat sich seit Jahren nicht verändert, sehr zur Freude Hans-Karl Meuniers: „Freitag ist der allgemeine Tag, der mit dem Fassanstich eröffnet wird. Samstags kommen Besucher aus dem ganzen Umland, um das Feuerwerk zu sehen und sonntags ist Familientag und Frühschoppen um halb 12. Der Montag ist der Tag der Trierer und da ist die Stimmung etwas gemütlicher, denn dann wissen wir, das Platz am Stand ist.“ Auch in diesem Jahr folgt der Programmablauf des Moselfestes Zurlauben seinem gewohnten Gang und die Trierer Historie des zweiten Juliwochenendes wird um einige Anekdoten reicher werden. Nicht nur die Urgesteine Zurlaubens können dann wieder einiges erzählen, sondern auch alle Besucher werden Teil der Zurlaubener Tradition.

Maike PetersenInMediaPart